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Das Bild zeigt ein Industriegebiet.
Die Energiepreise stiegen zwischendurch um über 400 Prozent, die Löhne um 20 Prozent. TTstudio (Adobe Stock)

Industrieproduktion

Energieintensive Industrie entwickelte sich schlechter

In lohnintensiven Bereichen entwickelte sich die Produktion sogar besser.

Spätestens seit der Herbstlohnrunde 2023 vergeht kaum eine Woche, in der sich Vetreter:innen der Industrie nicht über die angeblich zu hohen Lohnsteigerungen in der Branche beschweren. Gewarnt wird vor Abwanderungen und drohender Deindustrialisierung, die zu Jobverlusten führen soll. Lohnerhöhungen, die zumindest die Rekordteuerung für die Beschäftigten ausgleichen sollen, konnten nur mit harten Verhandlungen und Streikmaßmahmen durchgebracht werden. Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung versuchen nun unter anderem die aktuellen Lohnerhöhungen als Vorwand für weitere Senkungen der Lohnnebenkosten zu nutzen.

Eine Analyse des Volkswirtschaftlichen Referats im ÖGB zeigt, dass die Lohnerhöhungen – anders als oft dargestellt – die österreichische Industrie kaum vor unlösbare Probleme stellen dürften. In den Industriezweigen mit höherem Personalkostenanteil war im Verlauf der Energiekrise – und vor allem direkt nach der Herbstlohnrunde 2023 – sogar eine weitaus bessere Produktionsentwicklung zu beobachten.

Viel dramatischer dürfte die Industrie die im europäischen Vergleich überdurchschnittlich hohe Energiepreisentwicklung getroffen haben. Die Preissteigerungen für Energie betrugen in Österreich zuletzt ein Vielfaches der Lohnsteigerungen und diese Entwicklung spiegelt sich auch deutlich in der Produktionsentwicklung wider. Industriezweige mit höherem Energiekostenanteil wiesen ab Anfang 2022 eine viel schlechtere Produktionsentwicklung auf als Industriezweige mit niedrigerem Energiekostenanteil.

Die Grafik zeigt die Entwicklung der Industrieproduktion in der energieintensiven und in der weniger energieintensiven Industrie.
ÖGB

Die gesamte Analyse gibt es hier als Download:

Energiekosten stiegen in Österreich viel stärker als Industrie-Lohnkosten

Die gemeinsame Betrachtung der Entwicklung der Personalkosten in der Industrie (gemessen am Tariflohnindex für die Branche Warenherstellung) und der Energiekosten (gemessen an den Preisen für Energieimporte sowie den Produzentenpreisen von Energie für den heimischen Markt) zeigt die unterschiedlichen Dimensionen der Preisentwicklungen auf. Die kollektivvertraglich vereinbarten Mindestlöhne in der Industrie stiegen von Jänner 2020 bis April 2024 um rund 20 Prozent. Die Preissteigerungen heimischer Energieproduzenten betrugen im selben Zeitraum in etwa das Doppelte (rund 38 Prozent) – zwischendurch betrugen die Preissteigerungen im Vergleich zu Jänner 2020 sogar beinahe 100 Prozent. Noch dramatischer war die Preisentwicklung bei den Energieimporten: Im dritten Quartal 2022 waren die Importpreise sogar fünf bis sechs Mal so hoch wie Anfang 2020 und zuletzt (erstes Quartal 2024) waren sie immer noch doppelt so hoch (+99 Prozent) wie im ersten Quartal 2020.

Die Grafik zeigt die Entwicklung der Preise für Energieimporte, die Energiepreise der heimischen Energieproduzenten und der Löhne in der Industrie (Tariflohnindex) seit 2020.
ÖGB

Großindustrie: Strom- und Gaspreise über Niveau von Deutschland und Eurozonen-Schnitt

Eine sehr ähnliche Entwicklung zeigt sich, wenn man die (halbjährlich verfügbaren) Strom- und Gaspreise für die Großindustrie (Nichthaushaltskunden in der jeweils höchsten Verbrauchsgruppe) analysiert. Bei den Strompreisen lag Österreich mit unter 10 Cent pro Kilowattstunde vor den Krisen nahe am Durchschnitt der Eurozonen-Länder und sogar unter dem Preisniveau in Deutschland. Im Jahr 2023 war allerdings das Gegenteil der Fall und die Strompreise für die österreichische Großindustrie lagen mit über 20 Cent deutlich über dem Durchschnitt der Eurozone und über den Preisen in Deutschland.

Die Grafik zeigt die Entwicklung der Stromkosten für Großverbraucher in der Industrie in Österreich, Deutschland und im Eurozonen-Durchschnitt seit 2018.
ÖGB

Die Situation bei den Gaspreisen für Großabnehmer war ähnlich: Auch hier stiegen die Preise ab dem zweiten Halbjahr 2021 zunächst im Gleichschritt mit Deutschland und dem Eurozonen-Durchschnitt. Im zweiten Halbjahr 2022 lagen die Gaspreise bei über 15 Cent pro kWh und damit rund fünf Mal so hoch wie vor der Krise.

Die Grafik zeigt die Entwicklung der Gaskosten für Großverbraucher in der Industrie in Österreich, Deutschland und im Eurozonen-Durchschnitt seit 2019.
ÖGB
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Energiekostenanteil ausschlaggebend für Produktionsentwicklung in Industrie

Anders als von Vertreterinnen und Vertretern der Industrie gerne dargestellt, sind – neben der allgemeinen Konjunkturflaute in Europa – nicht die Lohnkosten an der schwächelnden Produktionsentwicklung in der Industrie schuld, sondern die Energiekosten. Für die Analyse wurden die einzelnen Industriebranchen (Details siehe weiter unten) nach dem Anteil der Energiekosten an den Gesamtkosten  in zwei Gruppen geteilt: Industriebranchen mit niedrigem Energieaufwand (zwischen 0,4 und 1,2 Prozent) und Industriebranchen mit hohem Energieaufwand (zwischen 1,5 und 8,6 Prozent). Für beide Gruppen wurde ein (nach Wertschöpfungsanteil) gewichteter Durchschnitt der Produktionsentwicklung ausgehend von Jänner 2020 (vor der Covid-19-Pandemie) berechnet.

Sowohl die energieintensive als auch die weniger energieintensive Industrie hatte in der Pandemie mit einem starken Produktionseinbruch zu kämpfen. Beide Gruppen erholten sich aber bis Anfang 2021 wieder und stiegen dann bis Mitte 2022 im Gleichschritt auf rund plus fünf Prozent im Vergleich zu Anfang 2020 an. Dieser Zeitraum markiert in etwa den Zeitpunkt, ab dem die Energiepreise sprunghaft anstiegen. Ab Mitte 2022 entwickelte sich die Produktion der energieintensiven und der weniger energieintensiven Industrie auseinander. Die Produktionsentwicklung der energieintensiven Industrie sank stark und liegt seit Mitte 2023 um ca. vier Prozent unter dem Vorkrisenniveau. Jene der weniger energieintensiven Industrie stieg noch in etwa ein Jahr lang weiter stark an auf rund 15 Prozent im Vergleich zu Jänner 2020, bis auch hier die allgemeine sinkende Nachfrage die Produktion zurückgehen ließ. Allerdings lag die Produktion bei der weniger energieintensiven Industrie zuletzt wieder bei rund zehn Prozent über dem Vorkrisenniveau.

Die Grafik zeigt die Entwicklung der Industrieproduktion in der energieintensiven und in der weniger energieintensiven Industrie.
ÖGB

Lohnentwicklung in beiden Gruppen gleich

Unterschiedliche hohe Lohnentwicklungen in den energieintensiven und weniger energieintensiven Industriebranchen können jedenfalls nicht der Grund für die unterschiedliche Produktionsentwicklung sein. Die Entwicklung der kollektivvertraglich verhandelten Mindestlöhne seit Anfang 2020 ist in beiden Gruppen mit rund 20 Prozent exakt gleich hoch.

Die Grafik zeigt die Entwicklung der Löhne in der energieintensiven und weniger energieintensiven Industrie (Tariflohnindex) seit 2020.
ÖGB

Lohnanteil spielt für Produktionsentwicklung keine Rolle

Eine weitere und auf den ersten Blick eventuell unerwartete Bestätigung für die untergeordnete Rolle der Löhne im Hinblick auf die Produktionsentwicklung liefert die Analyse, wenn man die Industriebranchen nach ihrem Anteil des Personalaufwands an den Gesamtkosten in zwei Gruppen teilt: in Branchen mit niedrigem (zwischen 3,8 und 21,2 Prozent) und in Branchen mit hohem (zwischen 24,8 und 33 Prozent) Lohnaufwand.

Schon seit Anfang 2021 stieg die Produktion in den Branchen mit hohem Lohnaufwand viel stärker an und lag zwischendurch mehr als 15 Prozent über dem Niveau von Jänner 2020 – zuletzt lag sie rund zehn Prozent über dem Wert von Jänner 2020. Die Produktion in Branchen mit niedrigem Lohnaufwand schwankte in etwa ab Anfang 2021 rund um den Vorkrisenwert und lag zuletzt ca. fünf Prozent unter dem Niveau von Anfang 2020. Ausschlaggebend für die Konjunkturflaute der Industrie in den letzten Monaten können also nicht die Lohnerhöhungen gewesen sein.

Die Grafik zeigt die Entwicklung der Produktion in der lohnintensiven und weniger lohnintensiven Industrie seit 2020.
ÖGB

Definitionen Energieintensität und Lohnintensität

Für die Aufteilung in Branchen mit hohem und Branchen mit niedrigem Energieaufwand, sowie in Branchen mit hohem und niedrigem Personalaufwand, werden Daten zu den Industriebranchen (ÖNACE-Klasse C) der letztverfügbaren Leistungs- und Strukturerhebung der Statistik Austria aus dem Jahr 2021 herangezogen. Diese enthalten unter anderem Daten zum Aufwand für Brenn- und Treibstoffe und für das Personal. Die Gesamtkosten der Unternehmen in den Branchen lassen sich aus dem Umsatz abzüglich der Bruttobetriebsüberschüsse ableiten. Der Energie- und Personalaufwand wird in Prozent der Gesamtkosten betrachtet. Die Branchen werden schlussendlich nach Energie- bzw. nach Personalaufwand in Prozent der Gesamtkosten aufgereiht und jene mit einem höheren prozentuellen Aufwand als die (gewichtete) mittlere Branche werden zu den energieintensiven Branchen („Energieaufwand: Hoch“) bzw. zu den lohnintensiven Branchen („Personalaufwand: Hoch“) gezählt. Bei den Branchen mit hohem Energieaufwand liegen die Werte zwischen 1,5 Prozent und 8,6 Prozent der Gesamtkosten, bei jenen mit niedrigem Energieaufwand liegen sie zwischen 0,4 Prozent und 1,2 Prozent der Gesamtkosten.

Die Grafik zeigt den Anteil der Energiekosten an den Gesamtkosten in den einzelnen Industriebranchen 2021.
ÖGB

Beim Personalaufwand weisen die Branchen mit hoher Lohnintensität Werte zwischen 24,8 Prozent und 33 Prozent der Gesamtkosten auf, in jenen mit niedriger Lohnintensität bewegen sich die Werte zwischen 3,8 Prozent und 21,2 Prozent.

Die Grafik zeigt den Anteil der Lohnkosten an den Gesamtkosten in den einzelnen Industriebranchen 2021.
ÖGB

Fazit und Forderungen

Die Analyse zur Produktionsentwicklung nach Energieintensität in den Industriebranchen zeigt deutlich, dass – neben schwächelnder Nachfrage im In- und Ausland – nicht steigende Lohnkosten, sondern steigende Energiekosten das Hauptproblem der Industrie darstellen. Sprunghaft gestiegene Energiekosten waren – gefolgt von der (vor allem auch im Energiebereich) profitgetriebenen Teuerung im Inland – der Auslöser der hohen Inflation. Steigende Löhne waren nur die Antwort darauf, da den Kollektivvertragsverhandlungen in Österreich immer die vergangene Teuerung zu Grunde liegt.

Der ÖGB hat bereits früh auf das Problem hingewiesen, dass die hohe Teuerung auch hohe Lohnsteigerungen mit sich bringt, da die Gewerkschaften keine Reallohnverluste für die Beschäftigten hinnehmen werden und hat verschiedene Lösungskonzepte vorgeschlagen und gefordert: Darunter der Stopp von Mieterhöhungen, eine Strompreisbremse und ein Wärmepaket mit Übergewinnsteuer, die auch Einnahmen zur Gegenfinanzierung bringt oder eine Anti-Teuerungskommission inklusive Preisdatenbank.

Parallel dazu wurde ein 10-Punkte-Plan für Standort und Beschäftigung vorgelegt, der die Dekarbonisierung der Wirtschaft, von der gerade die Industrie stark betroffen ist, als zentrales Thema hat. Dabei ist es besonders wichtig, dass die Bundesregierung zügig eine Gesamtstrategie zur Transformation der Wirtschaft vorlegt und dabei – neben einer leistbaren Energie-Grundversorgung für die Haushalte – auch für leistbare Strompreise für die Industrie sorgt. Letzteres ist eine zentrale Voraussetzung, damit die Energiewende gelingt, bedarf aber einem massiven Ausbau der Netzinfrastruktur, um die Verteilung der steigenden Produktion an erneuerbarem Strom sicherzustellen.

Die Dekarbonisierung soll von einer Investitionsoffensive begleitet werden, die allerdings an soziale Kriterien sowie Standort und Beschäftigungsgarantien geknüpft werden muss. Der Schwerpunkt muss dabei auf guter Arbeit und guten Arbeitsbedingungen, sozialer Absicherung sowie auf der Stärkung der betrieblichen Mitbestimmung und betrieblicher Weiterbildung gelegt werden.

Auch die Fiskalregeln müssen überarbeitet werden. Die derzeitige Einigung wird nicht nur dazu führen, dass der enorme Konsolidierungsbedarf vieler EU-Staaten eine neue Austeritätsphase einläutet, die die Gefahr von starken Einsparungen im Sozialstaat birgt. Die erwarteten Einsparungen von 100 Milliarden Euro in der gesamten EU im Jahr 2025 werden durch die schwächelnde Nachfrage auch die Produktion in der österreichischen Industrie negativ beeinflussen, was es zu verhindern gilt.