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Ferdinand Hanusch als gewerkschaftlicher Agitator, o.J.
Ferdinand Hanusch als gewerkschaftlicher Agitator, o.J. Staininger Otto, Ferdinand Hanusch. Ein Leben für den sozialen Aufstieg, 1973, Bilddokumentation IX

Gewerkschaftsgeschichte

Vom Weberbub zum Vater des Sozialstaates

Arbeiter, Walzer, Gewerkschafter, Nationalratsabgeordneter, AK-Direktor und Staatsekretär für soziale Verwaltung – die beeindruckende Geschichte des Ferdinand Hanusch

Ferdinand Hanuschs Weg vom Sohn einer armen Heimarbeiterin zum Staatssekretär für soziale Verwaltung begann im Frühjahr 1884. Er zog fort von Hunger, Heimarbeit und langen Arbeitszeiten in einer Bandfabrik in Oberndorf/Horní ves (im heutigen Tschechien), aber auch vom Fachverein der Textilarbeiter und dessen Bibliothek. Dort hatte er trotz mangelhafter Schulbildung viel gelesen. Hanusch walzte entlang der traditionellen „Kaiserroute“ durch Mähren und Niederösterreich bis nach Wien.

Obdachlos, hungernd, abgeschoben

Im Winter 1885 erreichte Hanusch Wien – und wurde enttäuscht. Nicht das erhoffte Glück, gute Arbeit und Reichtum erwarteten ihn, sondern eiskalte Nächte unter Brücken, der altbekannte Hunger und die stetige Suche nach irgendeiner Arbeit. Er schleppte Speisen in einem Gasthaus, war Kegelbub und verkaufte Bretzel im Prater.

Ferdinand Hanusch mit seinen drei Geschwistern und der alleinerziehenden Mutter
Ferdinand Hanusch mit seinen drei Geschwistern und der alleinerziehenden Mutter Staininger Otto, Ferdinand Hanusch. Ein Leben für den sozialen Aufstieg, 1973, Bilddokumentation IX

 

Im Frühjahr 1886 walzte Hanusch bis nach Triest. Dort wurde er bestohlen, von der Polizei aufgegriffen und in seine Heimat Wigstadtl/Vítkov abgeschoben. Noch zweimal ging er auf die Walz und beide Male ereilte ihn das gleiche Schicksal. Er kam verelendet und heruntergekommen nach Hause, aber auch mit guten Erfahrungen. Die der Solidarität unter den Walzbrüdern, die sich trotz Armut einander bei Krankheit und Hunger halfen.

Hanusch fand Arbeit als Weber in einer Seidenfabrik in Wigstadtl/Vítkov. Nach dem Tod seiner Mutter (1888) musste er die überschuldete Keusche verlassen. Er begann zu trinken und verlor seinen kargen Lohn beim Kartenspiel, bis er seine Jugendfreundin Anna Domes wieder traf. Sie holte ihn vom Gasthaustisch an den Schreibtisch des Gewerkschaftsvereins. Sie heirateten 1891.

Hanusch begann wieder zu lesen, organisierte Veranstaltungen und sprach bei der ersten 1. Mai-Feierlichkeit 1890. Im Jahr darauf trat er dem Arbeiterverein bei, referierte an viele Orten darüber, dass Frauen als Mitstreiterinnen und Funktionärinnen aufgenommen werden müssten.

Dann ereilte ihn ein Schicksalsschlag. Seine Frau starb im Jahr 1895 an der „Weberkrankheit“, der Tuberkulose. Später kämpfte Hanusch als Staatssekretär für soziale Verwaltung (1918-1920) gemeinsam mit dem Leiter des Volksgesundheitsamtes Julius Tandler gegen die „Schwindsucht“ und für Volksgesundheit ohne Unterschied der Klassen.

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Arbeiterführer und Staatsfeind

Doch bevor Hanusch 1918 Staatssekretär wurde, trat er im Oktober 1897 das Amt des Gewerkschaftssekretärs der Textilarbeiter und des Parteisekretärs der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Sternberg/Šternberk an. Seine Lehrzeit zum Arbeiterführer begann.

Hanusch setzte sich zum Ziel, die vielen lokalen, oft konkurrierenden Textiler:innen-Arbeitervereine in regionale und überregionale Fachvereine zusammenzuschließen, wozu viel Überzeugungsarbeit notwendig war. Über zwei Jahre lang reiste er durch Böhmen, in die Steiermark und nach Vorarlberg. Er sprach über Lohnsätze, Arbeitspausen, Arbeitsverträge, Gesundheit, Frauenschutz, Kinderschutz und natürlich über die Zusammenarbeit mit örtlichen Organisationen.

Sein Motto war: Freiheit – Bildung – Wohlstand für alle. Bis zu 3.000 Menschen kamen, um ihn zu hören. Mit dabei war auch immer die Polizei, sie sahen in ihm einen Staatsfeind. Er wurde 18 Mal verhaftet, aber das konnte ihn nicht aufhalten. Auch nicht, als die junge Gewerkschaftsbewegung vor einer der größten Belastungsproben stand.

 

 

Am 2. Mai 1899 traten rund 12.000 nicht organisierte Textilarbeiter:innen in Brünn/Brno in Streik. Sie forderten den 10-Stunden-Tag. Hanusch und seinen Gewerkschaftskollegen war klar, dass der Streik ohne Unterstützung bald zusammenbrechen würde und dies der gesamten Gewerkschaftsbewegung großen Schaden zufügen würde. Er bat die Wiener Gewerkschaftskommission um Hilfe, die rief zu Spenden auf und führte für alle Gewerkschaftsmitglieder die „Streiksteuer“ ein. Dies wurde zur ersten umfassenden Solidaritätsaktion der Gewerkschaften.

Innerhalb kürzester Zeit waren genügend Geldmittel vorhanden, um die Streikenden zu unterstützen. Hanusch war pausenlos unterwegs, er vermittelte zwischen Unternehmern und Streikenden. Anfang Juli 1899 endete der Streik. In einigen Fabriken wurde der 10-Stunden-Tag eingeführt und die Löhne wurden erhöht.

Hanusch war nun mehr als je zuvor davon überzeugt, dass die vielen Arbeitervereine in einer Zentralorganisation zusammengefasst werden müssten – nur so könne sich ihre Schlagkraft erhöhen.

„Exekutivarm der Gewerkschaften“

Dieses Vorhaben nahm er auch zu seinem nächsten Posten mit. Am 1. Oktober 1900 wurde Ferdinand Hanusch Sekretär der Textilunion in Wien. Er stürzte sich in die Arbeit, organisierte, agitierte, ging zu Versammlungen, sprach bei Verbandstagen, baute den Streikfonds aus, verbesserte die gewerkschaftlichen Unterstützungsleistungen, gründete neue Ortsgruppen, vermittelte bei Streiks, zentralisierte die Gewerkschaft und warb Mitglieder. Ende 1901 zählte die Textilunion 6.000, 1905 waren es schon 13.607 Mitglieder.

Podcasts zu Ferdinand Hanusch

Beim Unionstag im Juni 1905 legte die Gewerkschaft einen umfangreichen Tätigkeitsbericht ab, über erreichte Arbeitszeitverkürzung, abgewehrte Lohnkürzungen, erfolgreiche Streiks, Lohnerhöhungen, bezahlte Nebenarbeiten und Feiertagsarbeit.  

Aber es gab heftige Gegenwehr gegen alle erfolgreichen Gewerkschaften. Die Unternehmer gründeten 1907 die „Hauptstelle der Arbeitergeberorganisation der österreichischen Industrie“ als Verteidigungsfront gegen die erstarkenden Gewerkschaften. Sie unterstützten finanziell die Gründung von Gelben Gewerkschaften und versuchten erfolglos, im Reichsrat arbeitgeberfreundliche Gesetze durchzupeitschen. Sie scheiterten auch deshalb, weil die „Roten“ nach den Wahlen 1907 im Reichsrat saßen – einer davon war Ferdinand Hanusch.

Ferdinand Hanusch, o.J.
Ferdinand Hanusch, o.J. Staininger Otto, Ferdinand Hanusch. Ein Leben für den sozialen Aufstieg, 1973, Bilddokumentation IX

 

 

Mit den Sozialdemokraten zogen auch die Gewerkschaftsforderungen in das Hohe Haus ein. Später, als Hanusch Staatssekretär war, warf man ihm vor, der „Exekutivarm der Gewerkschaften“ zu sein.

Sein Programm dazu hatte er bereits am 7. Österreichischen Gewerkschaftskongress 1913 präsentiert. Darunter waren die Verabschiedung eines Sozialversicherungsgesetzes, die Einführung der 36-Stunden-Sonntagsruhe, das Beschäftigungsverbot von Frauen vier Wochen vor und sechs Wochen nach der Geburt sowie Krankengeldzahlung, die Einbeziehung von Heimarbeit in die Arbeiterschutzgesetze, die Kodifikation des gesamten Arbeitsrechts und die Beseitigung des Arbeitsbuchs.

Die Durchsetzung des ambitionierten Programms scheiterte vorerst am Ersten Weltkrieg. Die Betriebe wurden unter das Kriegsleistungsgesetz gestellt, was zu massiven Einschränkungen der Gewerkschaftsarbeit führte. Produktionsstätten schlossen oder schränkten den Betrieb ein, denn es fehlte an Material. Die Arbeitslosigkeit stieg, es gab keine staatliche Arbeitslosenunterstützung, aber die rund 8.700 Mitglieder der Textilunion erhielten das ab 1907 in die Statuten eingeführte Arbeitslosengeld von ihrer Gewerkschaft.

Wieder war Hanusch pausenlos unterwegs, erreichte Lohnerhöhungen, organisierte Vertrauensmännerkonferenzen, um das Auseinanderfallen der Gewerkschaft zu verhindern, vermittelte bei Streiks und Teuerungsdemonstrationen und forderte vom Handelsminister, die arbeitslosen Textilarbeiter:innen für ihren Verdienstentgang zu entschädigen.

Hanusch war erfolgreich, am 1. Februar 1916 erfolgte die erste Auszahlung. Dies war, nach der Aufnahme der Arbeitslosenversicherung in die Gewerkschaftsstatuten, der zweite Schritt in Richtung staatliche Arbeitslosenversicherung (die schließlich 1918 unter Staatssekretär Hanusch eingeführt wurde). Die Vorabarbeiten für weitere Sozialgesetze begann er schon im Jahr 1903 als Mitglied der Reichsgewerkschaftskommission.

Reichsgewerkschaftskommission 1910-1913, 5. v. r. sitzend Ferdinand Hanusch
Reichsgewerkschaftskommission 1910-1913, 5. v. r. sitzend Ferdinand Hanusch ÖGB-Archiv

 

 

Gewerkschaftsvorsitzender und Staatssekretär

Hanusch war nicht nur Sekretär der Textilunion, sondern seit dem Jahr 1903 auch Mitglied der Reichsgewerkschaftskommission. Gemeinsam mit dem Metallgewerkschafter Franz Domes, dem Sekretär Anton Hueber und der Gewerkschafterin Anna Boschek hatte er viel erreicht. Beim Arbeitertag im November 1916, zeichnete sich aber ein trübes Bild ab. Der Krieg hatte nicht nur an der Front, sondern auch im Land tiefe Wunden hinterlassen.

Mehr als 1.000 Teilnehmer:innen beschlossen ein Forderungsprogramm: u. a. die Anpassung der Tariflöhne an die Preissteigerung sowie der Frauenlöhne an die der Männerlöhne und die Einrichtung von Beschwerde- und Lohnkommissionen zur Überwachung der Einhaltung der Kollektivverträge.

Diesmal reagierte die Regierung schnell. 1917 wurde der Wöchnerinnenschutz verbessert, das Ministerium für soziale Fürsorge (Sozialministerium) gegründet und die Beschwerdekommissionen wurden auf alle Kriegsleistungsbetriebe ausgedehnt. Mit diesen Kommissionen wurde erstmals anerkannt, dass Gewerkschaften die rechtlichen Vertreter ihrer Mitglieder sind.

Aus den Beschwerdekommissionen wurde im Jahr 1919 das Gesetz über die Errichtung von Einigungsämtern und Kollektivverträgen – unter der Ägide Ferdinand Hanuschs.

Das neu gebildete deutsch-österreichische Kabinett. 2. v.r. Staatssekretär für soziale Verwaltung, Ferdinand Hanusch, 1919
Das neu gebildete deutsch-österreichische Kabinett. 2. v.r. Staatssekretär für soziale Verwaltung, Ferdinand Hanusch, 1919 Das interessante Blatt, 27. März 1919

 

 

In den letzten Kriegstagen bildeten am 21. Oktober 1918 die deutschsprachigen Abgeordneten des Reichsrates der Monarchie eine provisorische Nationalversammlung. Ämter wurden verteilt. Das Staatssekretariat für soziale Verwaltung ging an Ferdinand Hanusch.

Am 2. November 1918 betrat er sein neues Büro unter denkbar schlechten Voraussetzungen. Das Nachkriegsösterreich war geprägt von Hunger, Kriegsversehrten, Krankheiten, Arbeitslosen, Kälte und galoppierender Inflation. Das von der großen Monarchie zum kleinen Staat geschrumpfte Land war von allen Rohstofflieferanten abgeschnitten, die Produktion kam fast komplett zum Erliegen.

Hanusch ließ sich nicht beirren. Systematisch machte er sich ans Werk, die jahrzehntelang geforderten Sozialmaßnahmen umzusetzen. Er sagte: „Zum Vergnügen sitze ich nicht im Staatsamt; wenn ich nichts für die Arbeiterklasse tun könnte, würde ich noch heute demissionieren […]. Die Arbeit, die noch zu tun ist, wird erledigt werden […]. Solange ich das Staatsamt leiten werde, werde ich für die Arbeiterklasse tun, was ich tun kann“.

In den folgenden zwei Jahren legte er mit 83 Gesetze und Verordnungen zur Verbesserung der sozialen Lage den Grundstein des heutigen Sozialstaates.

Infokasten: 

4.11.1918: Organisierung der Arbeitsvermittlung

6.11.1918: Arbeitslosenunterstützung + 20.11.1918 Ausdehnung auf Angestellte + 24.03.1920 Gesetz über Arbeitslosenversicherung

12.11.1918: Regelung Sonn- und Feiertagsruhe in Gewerbebetrieben

19.11.1918: Acht-Stunden-Tags-Gesetz in fabrikmäßig betriebenen Gewerbebetrieben + 17.12.1919 Erweiterung auf gewerbliche Betriebe)

19.12.1918: Gesetz über die Kinderarbeit

20.12.1918: Regelung der Arbeits- und Lohnverhältnisse in der Heimarbeit

25.01.1919: Aufhebung der Arbeitsbücher und der Bestrafung des Kontraktbruches

03.04.1919: Bäckerarbeitergesetz

25.04.1919: Invalidenentschädigungsgesetz

14.05.1919: Verbot der Nachtarbeit für Frauen und Jugendliche

15.05.1919: Betriebsrätegesetz

30.07.1919: Arbeiterurlaubsgesetz

18.12.1919: Gesetz über die Errichtung von Einigungsämtern und Kollektivverträgen

26.02.1920: Errichtung der Kammern für Arbeiter und Angestellte 

 

 

AK-Direktor Hanusch

Im Jahr 1920 war Hanusch auch Vizekanzler und arbeitete an dem Beschluss der österreichischen Bundesverfassung mit. Bei den folgenden Wahlen erreichten die „bürgerlichen Parteien“ eine Mehrheit, die Sozialdemokrat:innen ging in Opposition.

Hanusch blieb Abgeordneter im Nationalrat und wurde 1921 der erste Direktor der neu gegründeten Kammer für Arbeiter und Angestellte und organisierte die ersten AK-Wahlen. Aber das entbehrungsreiche Leben kostete Hanusch seine Gesundheit. Zwei Jahre später, am 28. September 1923 starb Ferdinand Hanusch.

Die Arbeiter-Zeitung schrieb im Nachruf: „Der beste Mann, denn die Arbeiterschaft aus seinem Schoß hervorgebracht hat“ sei verstorben. Hinterlassen hat er die Fundamente für unsere heutige Sozialgesetzgebung.